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Mal ausgekramt

Unbeschwerte Zappelwesen

Die Marionettenbühne "Das Puppenschiff" in Mainaschaff

Der Pianist mit Clownsfrisur und kariertem Frack hämmert chaotisch auf der Tastatur das Eurovisionsmotiv, da tritt ein Jeansgirl auf die Bühne und verwickelt ihn in einen spitzfindigen Dialog. Doch weder mit ihren tänzelnd bewegten Hüften, ihrem strahlend entblößten Gebiß noch mit Wortspielen um Pizzabude und Pisa-Studie kann sie den Musiker davon abhalten, sein Repertoire populärer Weisen zu demonstrieren. Und damit beweist Bernd Weber, der eine Etage höher die Fäden zieht, was eine Marionette alles an lebensechten Bewegungen simulieren kann.

Der Prinzipal des 1973 in Stockstadt bei Aschaffenburg gegründeten Figurentheaters "Das Puppenschiff" und seine beiden Mitspieler auf dem Schnürboden beflügeln ihre Akteure zu den gewagtesten Sprüngen und zu den markantesten Gesten. Sie geben den Zappelwesen sogar die Impulse zu Kapriolen, die ihnen kein lebender Kollege nachmachen könnte. Beim Cancan zum Beispiel lösen sich die drei grell geschminkten Tänzerinnen mit ihren rotglitzernden Roben unbeschwert von ihren Unterleibern und entblößen die knielangen Liebestöter.

Was sie nicht können, ist die Variation der Mimik, denn die links und rechts von der Bühne an runden Ständern auf ihren Einsatz wartenden Alltagstypen und Stars, der Saufbruder in der Filzjoppe wie die ägyptische Königin in der goldenen Robe, haben den immer gleichen, vom Modellierer festgelegten Gesichtsausdruck. Da gilt es für den Regisseur, den Text darauf auszurichten. Bei der Parodie auf die Oper "Carmen" ist das nicht schwer, wenn der Kerl mit Schlafanzug und Zahnbürste und vor allem mit gebleckten Zähnen "Auf in den Kampf, Torero" taktgenau gurgelt. Bei den "Aschaffenburger Gesprächen", bei denen zwei Nichtsnutze den Tag mit Dialogfolgen wie "Ei, wie?" - "Gut." - ,,Aach gut." "Und die Frau?" - "Eijeijeijeijei" totschlagen, liegt der Gestalter der Puppe mit einem stumpfsinnigen Blick unter der ergrauten Mähne natürlich auch richtig. Die Marionettenführer brauchen in diesem Fall beim von einer durchzechten Nacht gelähmten Bewegungsrepertoire ihr Können nur mit ein paar schlaffen Handzuckungen anzudeuten.

Mit dem doppelten Spielkreuz für Körper und Arme können sie noch ganz andere Kapriolen inszenieren. Und in einem Fall konzentrieren sie sich ganz auf das Gesicht, auf den sprechenden Mund. Beim Ballett dreier Hamburger, die mit ihren Semmelhälften als Mischung aus Marionette und Klappmaulpuppe konstruiert sind, unterstreichen sie ihre Rufe und Gesänge mit aufgesperrten Mäulern. Und wenn sie vorn feuerroten Ketchupflaschenteufel verfolgt werden, entblößen sie ihre Hinterteile mit den Initialen "S - 0 - S". Das ist die eine Hälfte des Erwachsenen-Repertoires der Marionettenbühne, die das Stammpublikum in der "Krone" zwischen Rathaus und Kirche in Mainaschaff bei Aschaffenburg findet: kabarettistische Szenen, spöttische Momentaufnahmen, die im Ausnahmefall auch auf etablierte Themen übergreifen. Auch auf Mozarts populärste Oper, die in diesem Jahr noch als "Eine ziemlich blöde Zauberflöde" Premiere haben soll. Aus der Sicht zweier Bühnenarbeiter wird dann alles durcheinandergebracht, was den Opernfans vertraut ist, kündigt Weber an und hofft, daß sie es trotzdem genießen werden. Sonst begegnen er und seine Mitspieler den klassischen Stoffen wie dem Doktor Faust oder dem Sommernachtstraum mit mehr Respekt. Homers "Odyssee" wurde werkgetreu bearbeitet, nur vom Versmaß befreit und inhaltlich gestrafft. Mit zweimal zwei Stunden ist es immer noch der längste Auftritt des Ensembles. Bei anderen Stücken sagt schon der Titel, was zu erwarten ist. So wurde unter "Frankensteins Hamster" alles aufgeboten, was die Menschen von heute gruselt - vom Grand-Prix-Horrovision bis zum Steuereintreiber. Und unter der Frage 'Was macht die Wursthaut auf meinem Sargdeckel?" werden die Medienattraktionen aus dem kriminellen Milieu subsumiert.

Bevor Bernd Weber vor dreißig Jahren mit seinem "Puppenschiff" auf Unterhaltungskurs ging, hatte er sich in seiner Heimatstadt Augsburg bei ein paar Blicken hinter die Kulissen der legendären Puppenkiste für die phantastischen Figuren und ihre fast unbegrenzten Spielmöglichkeiten begeistert. Puppenbau, Textbearbeitung und Marionettenführung eignete sich der Volksschullehrer Jahrgang 1941 danach selbst an. Nach rund zehn Jahren Basteln und Improvisieren für den privaten Bedarf wurde dann die eigene Bühne vor 99 Sitzplätzen im ehemaligen Veranstaltungssaal einer Bäckerei eröffnet.

Heute schart Weber rund fünfzehn ehrenamtlich tätige Strippenzieher um sich, die wie er ihr Handwerk in der eigenen Bühne erlernt haben. Dazu kommen fünf Helfer in der Technik, in der Organisation und an der Theke. Das Team ist inzwischen so professionell, daß Praktikanten zur Grundausbildung hierherkommen. Zwei Tontechniker und ein Beleuchter haben hier ihre Ausbildung begonnen.

Das Programm für das Aschaffenburger Stadtfest am 30. und 31. August, bei dem die Puppenschiffer im Arkadenhof mit einer kabarettistischen Revue auftreten, steht fest. Zuschüsse gibt es keine. Da ist der Prinzipal froh, daß er sich seit einem Jahr als Pensionär ganz der Kunst widmen kann. Im Dienst fühlt er sich von morgens bis abends. Auch beim Bier in der Kneipe schnappt er seine Inspirationen und Textbausteine auf. Das merkt man seinem unverfälschten und jeder Situation angepaßten Witz auch an.

JÜRGEN RICHTER

Presserezension aus der FAZ vom Samstag, 23. August 2003

19.12.06 23:53


27.12.06 19:11





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